Kieler Schule

Als Kieler Schule bezeichnet man eine Gruppe nationalsozialistischer Rechtswissenschaftler, die zur Zeit des Nationalsozialismus an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gewirkt hat.

Die Nationalsozialisten hatten mit der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität von Beginn der Machtergreifung an etwas „Besonderes“ vor. Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers am 30.1.1933 begannen sie mit einem nahezu kompletten personellen Austausch und einer grundlegenden organisatorischen Umwälzung, um die Voraussetzungen herzustellen, die für die Etablierung der Fakultät zur nationalsozialistischen „Stoßtruppfakultät“ im Reich notwendig waren.

Zu dieser Zeit kam es zu einer „Gleichschaltung“ der Wissenschaft. Dadurch verstärkte sich die Einwirkung von Parteiinstanzen auf die Universitätsangelegenheiten erheblich. Die unterschiedlichsten nationalsozialistischen Organisationen versuchten in der Folgezeit auf die Richtung der Wissenschaft und die personelle Zusammensetzung der Universitäten Einfluss zu nehmen. Es ging ihnen vornehmlich darum, die „untauglichen Hochschullehrer“ zu beseitigen. 

Die Grundlage für Maßnahmen gegen die „politisch unzuverlässigen“ oder jüdischen Professoren bildeten das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. 4. 1933 sowie das Gesetz über die Entpflichtung und Versetzung von Hochschullehrern aus Anlass des Neuaufbaus des deutschen Hochschulwesens vom 21.1.1935. Bereits 1933 wurden die Professoren Hermann Ulrich Kantorowicz, Gerhard Husserl, Karl Rauch, Walther Schücking, Otto Opet und Werner Wedemeyer aus rassischen oder politischen Gründen beurlaubt bzw. aus dem Staatsdienst entlassen. Auch weitere Personen wurden aus der Fakultät gedrängt. Letztlich befand sich von den zehn früheren Lehrstuhlinhabern nur noch einer, Walther Schoenborn, in Kiel.

Die freigewordenen Lehrstühle wurden umgehend neu besetzt. Es waren vor allem jüngere Dozenten, die die Kieler Juristenfakultät nach den Plänen der Hitlers und der NSDAP zu einer Kaderschmiede für junge, dem Regime bedingungslos ergebene Rechtslehrer machen sollten und von der aus die anderen deutschen Universitäten mit politisch zuverlässigen Nachwuchslehrkräften versorgt werden sollten.

Zu den Mitgliedern der Kieler Schule, die in den Jahren von 1933-1935 an die juristische Fakultät in Kiel kamen, zählten Georg Dahm (Strafrecht), Karl August Eckhardt (Deutsche Rechtsgeschichte), Ernst Rudolf Huber (Öffentliches Recht, Wirtschafts- und Arbeitsrecht), Karl Larenz (Bürgerliches Recht und Rechtsphilosophie), Karl Michaelis (Zivilprozessrecht), Paul Ritterbusch (Öffentliches Recht, Leitung des Instituts für Internationales Recht), Friedrich Schaffstein (Strafrecht) und Wolfgang Siebert (Bürgerliches Recht, Handels- und Arbeitsrecht).

Sie sahen ihre Aufgabe in einer „völkischen Rechtserneuerung“ und instrumentalisierten das Recht im Sinne des Nationalsozialismus.  Sie entwickelten eine Rechtsdogmatik, die von völkischem Denken und Rassenideologie durchsetzt war.

Das gemeinsame Wirken der Mitglieder der Kieler Schule dauerte allerdings „nur“ wenige Jahre an.  Dies rührt zum einen daher, dass ab 1937/1938 die Professoren zum Teil an andere Lehrstühle in Deutschland versetzt wurden. Zum anderen wurde auch inhaltlich vermehrt Kritik an einigen Positionen der Kieler Schule geäußert und die Mitglieder erkannten auch immer mehr, welche Absichten die NSDAP mit der Einrichtung einer „Stoßtruppenfakultät“ verfolgte.

 

Die Mitglieder der Kieler Schule hatten aufgrund ihrer zur Zeit des Nationalsozialismus vertretenen Positionen – obwohl sie diese zum Teil später zurücknahmen – in der Nachkriegszeit teilweise größere Probleme, wieder in der Wissenschaft akzeptiert zu werden. Einige, wie z.B. Karl Larenz, der sich öffentlich niemals hinsichtlich seiner Verstrickungen in die nationalsozialistische Lehre äußerte, gingen hingegen nach 1945 wieder ihrer gewohnten wissenschaftlichen Tätigkeit nach. Karl Larenz gilt noch heute als einer der führenden deutschen Zivilrechtler.

Quellen: https://www.uni-kiel.de/ns-zeit/allgemein/eckert-kulissen.pdf; https://de.wikipedia.org/wiki/Kieler_Schule.